Die Bierdorfer Kapelle

kann man kaum als architektonisches Meisterwerk bezeichnen. Vielmehr ist ihre Bauweise schlicht, was sich in der sehr unregelmäßigen Grundrissgestalt und dem Fehlen nahezu jeglicher Gliederungsformen erweist. Zudem sind die Bauformen angesichts der Entstehungszeit im frühen 17. Jahrhundert retardierend und weisen mit dem Vorherrschen des Spitzbogens bei Fenstern, Portal und Chorbogen oder dem Gratgewölbe im Chor noch eher in spätgotische Zeit zurück. Dieses Phänomen verwundert jedoch nicht, wenn man sich die Entwicklung der Baukunst dieser Jahre vergegenwärtigt.

Mit ihrer Entstehung im Jahr 1607 fällt die Bierdorfer Kapelle in eine Zeit, die man als Umbruchsphase in Bayern bezeichnen kann. Einige Jahrzehnte zuvor hatten die Reformation und das Konzil von Trient mit ihren Auswirkungen die sakrale Welt bestimmt, und nur wenige Jahre später stand der Dreißigjährige Krieg vor dem Ausbruch, der besonders in den frühen 1630er Jahren auch in der Dießener Umgebung für starke Unruhen sorgte. In dieser Zeitspanne entstanden in Deutschland nur wenige Kirchenneubauten. Nach dem Ausgang der Spätgotik, die in Süddeutschland etwa bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts hineinreicht, gibt es zumindest in dieser Region eine deutliche Zäsur im Bereich des Kirchenbaus.
Erst mit Aufkommen der Gegenreformation, die besonders durch den Jesuitenorden getragen wurde, wurden im Anschluss an römische Vorbilder nun auch hier zahlreiche Neubauten errichtet. Sozusagen als erste Kirche der neuen Zeit entstand die Jesuitenkirche St. Michael in München (1583-1597), die dezidiert nicht mehr an gotische Tradition anknüpfte, sondern in Anlehnung an italienische Vorbilder ein vollkommen neues Bauschema, den Wandpfeilersaal, entwickelte. St. Michael markiert damit den Übergang zur Barockarchitektur in Deutschland. Doch erst in den nachfolgenden Kirchenbauten gelangte dieser neue Bautypus zur vollen Entfaltung. Ausgehend von der Jesuitenkirche in Dillingen (1610-1617) wurde er spätestens mit dem Neubau der Stadtpfarrkirche in Weilheim ab 1624 zur allgemein vorherrschenden Bauform.
Die Bauzeit der Kapelle in Bierdorf um das Jahr 1607 liegt jedoch noch vor dieser beginnenden Welle von größeren Kirchenneubauten. Noch hatte sich der neue Bautypus nicht durchgesetzt, und für die bescheidene Kapelle konnte der Großbau von St. Michael in München nicht als Vorbild dienen. Es ist daher nicht erstaunlich, dass man sich für die Architektur der Kapelle noch an spätgotischen Formen orientierte.

Sehr modern und auf der Höhe der Zeit war hingegen der Abschluss des kleinen Dachreiters mit der Zwiebelkuppel, der wahrscheinlich zum ursprünglichen Baubestand gehört. Diese Form war erst wenige Jahre zuvor als vermutlich frühestem Beispiel in der Franziskanerinnen-Klosterkirche Maria Stern in Augsburg 1574-1576 unter dem Baumeister Johannes Holl ausgeführt worden. Nach den welschen Hauben der Türme der Frauenkirche in München (1524/25) und der Stadtpfarrkirche in Weilheim (1573) stellte dies eine vollkommen neue Form von Kuppelhauben dar. Von nun an entstanden sie in rascher Folge und begannen bald, die gesamte Region zu prägen. Bereits in den 1580er und 1590er Jahren folgten weitere Beispiele von Zwiebelkuppeln in Landsberg am Lech (Vorgängerbau der Jesuitenkirche, ab 1580, ebenfalls unter Johannes Holl; Friedhofskirche Hl. Dreifaltigkeit, 1596) und in Augsburg (St. Ulrich und Afra, 1594). Da es sich hierbei auch um kleinere Bauwerke handelte, konnten diese leicht auch Bauten wie in Bierdorf als Vorbild dienen. Der Konsolen-Zierfries unterhalb der Zwiebelkuppel scheint hingegen vom Turm der Georgskirche in St. Georgen entlehnt zu sein, der die gleiche Form von in der Länge abwechselnden Konsolen aufweist.

Ebenfalls ausgesprochen zeitgemäß war die Ausstattung der Kapelle. Der Altar mit seinen Skulpturen reiht sich als bedeutendes Zeugnis der Entwicklung der Barockskulptur im frühen 17. Jahrhundert in die Weilheimer Bildhauertradition um Hans Degler und Bartholomäus Steinle ein. Dass der Altar hier an seinem ursprünglichen Bestimmungsort steht, ist durch die übereinstimmende Datierung von gemauerter Mensa und Schrein erwiesen. Die Qualität des Altares belegt neben dem zehn Stallen umfassenden Chorgestühl eindeutig, dass ein hoher Anspruch hinter der Initiative zum Bau der Kapelle stand, der sich allein mit dem Augustiner-Chorherrenstift in Dießen verbinden lässt. Der Auftrag zu einer solchen Ausstattung an diesem Ort kann nur unter der Obhut des nahe gelegenen Klosters gestanden haben, als dessen Filialkapelle der Bau entstanden ist. Dass die lokale Bevölkerung jedoch bei ihrem Bau mitgeholfen hat, lässt sich angesichts der Bauausführung immerhin vermuten.

Auszug aus dem Buch Die Kapelle "Unsere Liebe Frau" in Bierdorf von Dorothee Heinzelmann